Bienenwachs richtig verarbeiten: Der komplette Guide für alle Kerzenarten

Bienenwachs richtig verarbeiten: Der komplette Guide für alle Kerzenarten

Bienenwachs ist ein edles, aber anspruchsvolles Naturmaterial. Im Gegensatz zu industriellen Wachsen ist es „lebendig“: Es besitzt einen eigenen charakteristischen Duft, eine natürliche Farbe und spezifische physikalische Eigenschaften. Um ein perfektes Ergebnis zu erzielen, muss man seine wichtigste Besonderheit berücksichtigen: den hohen Schmelzpunkt (62–65 °C) und das starke Schrumpfverhalten beim Abkühlen.

Nachfolgend finden Sie detaillierte Anleitungen für drei Arten von Kerzen, die ausschließlich aus reinem Bienenwachs gefertigt werden.


1. Formkerzen (Stumpenkerzen und Figuren)

Dies ist der Klassiker: Kerzen, die in Silikon-, Kunststoff- oder Metallformen gegossen und nach dem Erkalten entnommen werden.

Die größte Herausforderung: Aufgrund der starken Schrumpfung des Wachses bildet sich beim Erkalten oft ein Trichter oder Hohlraum rund um den Docht.

Der Prozess:

  • Vorbereitung des Dochtes: Für Bienenwachs sollten Sie ausschließlich kräftige Baumwolldochte verwenden. Ein zu dünner Docht kann das zähflüssige Wachs nicht schmelzen und die Kerze „ertrinkt“. Empfehlenswert sind Dochte mit lockerer Flechtung (Rund- oder Flachdocht).

  • Gießtemperatur: Bei komplexen Formen mit feinen Details sollten Sie das Wachs heiß gießen – bei ca. 85 °C. So füllt das Wachs alle Muster aus, bevor es an den Wänden erstarrt. Für einfache, glatte Formen sind 75–80 °C ausreichend.

  • Ausgleich der Schrumpfung (Nachgießen):

    1. Gießen Sie die Form voll.

    2. Sobald die Kerze zu erstarren beginnt, werden Sie bemerken, dass das Wachs um den Docht herum absinkt.

    3. Stechen Sie mit einer langen Stricknadel oder einem Holzspieß tief in diese Mulde (um Lufteinschlüsse freizusetzen).

    4. Gießen Sie vorsichtig heißes Wachs nach, um die Oberfläche zu glätten.

  • Abkühlen: Lassen Sie die Kerzen nur bei Raumtemperatur aushärten. Bienenwachs kann bei zu schneller Abkühlung (Kälte) Risse bekommen.


2. Kerzen im Glas (Behälterkerzen) aus reinem Bienenwachs

Das Gießen von reinem Bienenwachs in Glasgefäße ist die anspruchsvollste Technik. Da sich das Wachs beim Abkühlen zusammenzieht, neigt es dazu, sich von der Glaswand zu lösen. Dies führt zu unschönen Flecken („Wet Spots“) oder Rissen.

Die größte Herausforderung: Die Adhäsion (Haftung) des Wachses am Glas.

Der Prozess:

  • Wahl des Glases: Verwenden Sie Gläser mit geraden Wänden. Verengungen nach oben sind ungünstig, da das Wachs beim Erkalten Druck ausübt.

  • Vorwärmen der Gläser (Pflichtschritt): Dies ist entscheidend. Die Gläser müssen im Ofen oder mit einem Heißluftföhn auf 50–60 °C erwärmt werden. Wenn Sie heißes Wachs in ein kaltes Glas gießen, löst es sich sofort von der Wand ab.

  • Gießtemperatur: Diese muss niedriger sein als bei Formkerzen. Gießen Sie das Wachs bei 65–70 °C (wenn es noch flüssig, aber nicht mehr überhitzt ist). Dies verringert den Temperaturunterschied und somit die Schrumpfung.

  • Langsames Abkühlen: Stellen Sie die Kerzen nach dem Gießen an einen warmen Ort oder wickeln Sie die Gläser in ein Handtuch, damit sie so langsam wie möglich abkühlen. Ein schnelles Abkühlen führt fast garantiert zum Ablösen vom Glas.

  • Der Docht: Da das Glas Wärme ableitet, benötigen Sie für Behälterkerzen aus Bienenwachs einen Docht, der 1–2 Nummern größer ist als für Sojawachskerzen gleichen Durchmessers.


3. Duftkerzen aus Bienenwachs

Bienenwachs hat eine sehr dichte Kristallstruktur, weshalb es Duftstoffe schwerer abgibt als weiche Wachse. Zudem bringt es seinen eigenen Honigduft mit.

Die größte Herausforderung: Die Harmonisierung des Duftöls mit dem Eigengeruch des Wachses und die korrekte Bindung des Öls.

Der Prozess:

  • Das Temperaturfenster: Fügen Sie das Duftöl strikt bei einer Temperatur von 72–75 °C hinzu.

    • Ist das Wachs heißer, verdampfen die Duftstoffe sofort.

    • Ist es kühler (unter 65 °C), beginnt das Wachs zu kristallisieren. Das Öl verbindet sich nicht richtig und kann später auf der Oberfläche der fertigen Kerze „ausschwitzen“.

  • Duftkomposition: Berücksichtigen Sie immer die Basisnote. Ihr Duft ist immer: Ihr gewählter Duft + Honig.

    • Gute Kombinationen: Lavendel, Thymian, Zeder, Sandelholz, Vanille, Zimt, Orange, Tabak.

    • Weniger geeignet: Kalte, aquatische Düfte oder leichte Gurken-/Wassermelonennoten – diese stehen im Konflikt mit dem warmen Wachsgeruch.

  • Dosierung: Reines Bienenwachs kann nicht viel Öl aufnehmen. Die empfohlene Höchstmenge liegt bei 3–5 % (3–5 g Duftöl auf 100 g Wachs). Bei einer Überdosierung wird die Struktur der Kerze gestört, was zu schlechtem Abbrand oder Rußen führen kann.

  • Rühren: Rühren Sie das Wachs nach Zugabe des Duftes langsam, aber gründlich für mindestens 2 Minuten um, damit sich die Duftmoleküle gleichmäßig in der dichten Wachsmasse verteilen.


Fazit für den Kerzenmacher:

Bienenwachs verzeiht keine Eile. Verwenden Sie in jeder Phase ein Thermometer – schon ein Unterschied von 5 Grad kann die Qualität der Oberfläche beeinflussen. Führen Sie immer einen Abbrandtest durch: Ist die Flamme zu klein, ist der Docht zu dünn; rußt die Kerze, ist der Docht zu dick oder der Duftölanteil zu hoch.

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